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Schadet eine längere Grundschulzeit?
Ein Lehrstück zur Empirie des Bildungssystems
2003 begann Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Rainer H. Lehmann, Hochschullehrer am
Institut für Erziehungswissenschaften, Abteilung Empirische Bildungsforschung und Methodenlehre der Humboldt-Universität zu Berlin mit seiner "Erhebung zum Lese- und Mathematikverständnis -Entwicklungen in den Jahrgangsstufen 4 bis 6 in Berlin (ELEMENT)". Am 11. April 2008 legte er nach zwei Zwischenberichten zusammen mit Jenny Lenkeit seinen Endbericht vor: "Abschlussbericht über die Untersuchungen 2003, 2004
und 2005 an Berliner Grundschulen und grundständigen
Gymnasien." Die Studie sollte die Leistungsstände der Berliner Schüler in den Klassen 5 und 6 feststellen und ihre Entwicklung untersuchen. 93 Prozent der von der Studie erfassten Schüler besuchten die sechsjährige Grundschule, sieben Prozent wechselten nach der vierten Klasse in eine Gymnasialklasse. Die Verfasser der ELEMENT-Grundschulstudie interpretieren die Ergebnisse ihre Untersuchung wie bereits in ihrem zweiten Zwischenbericht vom Dezember 2005 eindeutig: Alle Kinder, auch die 'wenigen relativ lernschwachen', die frühzeitig auf das Gymnasium wechseln, lernen mehr. "In Kenntnis dieser Befunde erscheint jedenfalls die derzeit steigende Nachfrage nach
einem Übergang an grundständige Gymnasialklassen als eine zumindest verständliche
und nachvollziehbare Reaktion mancher Eltern auf die Lage der Kinder an den
Grundschulen" (Abschlussbericht, 7. Zusammenfassung, 83). Diese Interpretation durch Prof. Lehmann entfachte erneut die Debatte über einen früheren Wechsel aufs Gymnasium. Die JournalistInnen, BildungsexpertInnen und BildungsforscherInnen zogen je nach gesellschaftlicher Orientierung sehr unterschiedliche Schlüsse aus den Ergebnissen der Untersuchung. Welche dieser widersprüchlichen Schlüsse aber werden durch die Studie selbst gestützt?
Sechsjährige Grundschule in Deutschland: Mit Pauken und Trompeten durchgefallen
Am Montag nach der Veröffentlichung referierte die Frankfurter Rundschau die AutorInnen der Studie: "
Gymnasiasten sind besser dran."
Wenige Tage später bot DIE ZEIT vom 17. April dem "führenden deutschen Bildungsforscher" Prof. Lehman die Chance, seine Interpretation der ELEMENT-Grundschulstudie zu wiederholen. Die alarmierende Überschrift: "Zwei Jahre hinterher. Die sechsjährige Grundschule in Berlin schneidet in einer neuen Studie enttäuschend ab. Ein Gespräch über die Ursachen mit dem Bildungsforscher Rainer Lehmann." Und weiter Lehmann: "Wir haben in Berlin mit der sechsjährigen Grundschule einen Sonderweg, der politisch mit drei Annahmen begründet wird. Erstens: Leistungsstarke Schüler werden durch die Klassen fünf und sechs in ihrer Entwicklung nicht gebremst. Zweitens: Die zwei Extrajahre helfen, soziale Disparitäten abzubauen. Drittens: Der soziale Zusammenhalt in der Schülerschaft und der in Stadt wird gestärkt. Keine der Annahmen ist haltbar."
Spiegel-Online vernahm am gleichen Tag einen "Paukenschlag gegen schwarz-grünes Schulexperiment". Gemeint war die im schwarz-grünen Koalitionsvertrag von Hamburg beschlossene 6-jährige Grundschule. Für die hamburger Journalisten stand aufgrund der Interpretation der ELEMENT-Daten durch ihren Autor fest: Die sechsjährige Grundschule, wie sie in Berlin im Unterschied zu den meisten anderen Bundesländern
praktiziert wird, ist an ihren Ansprüchen gemessen gescheitert. Gute Schüler würden dort im Vergleich zum Gymnasium nicht ausreichend gefördert, sie schafft nicht - wie beabsichtigt und behauptet - mehr, sondern weniger Gerechtigkeit. Darin sah der Deutsche Philologenverband am 22. April in einer Pressemeldung endlich belegt, was er immer schon ahnte, dass nämlich "Das Dominieren kompensatorischer Zielsetzungen in der Berliner Grundschule, ... leistungsstärkere Schüler tendenziell benachteiligt..." Der Philologenverband aus Baden-Württemberg sieht sogar die "Lernentwicklung a l l e r Kinder ... gebremst" und verlängert die Steilvorlage von Prof. Lehmann in ein 1:0 gegen die Gesamtschule: "Gesamtschule vermehrt die Probleme" (Zwischenüberschrift der Presseerklärung vom 17. April). Der Bundesvorsitzende des GymnasiallehrerInnen-Verbandes hatte die Lehmann-Interpretation sogar erwartet und wiederholte im Deutschlandradio noch einmal seine - nunmehr empirisch untermauerte - Forderung nach einer nur vierjährigen Grundschulzeit (DLR-Meldung vom 18. April). Prof. Lehmanns ZEIT-Interview war ein Geschenk des Himmels für den Philologenverband, hatte DPhV-Vorsitzender
Heinz-Peter Meidinger, Gymnasialdirektor aus Falkenberg in Niederbayern
(DPhV-Pressemeldung vom 14. April 2008).
ELEMENT-Studie belegt erfolgreiche Förderung in Grundschulen
Eine Woche nach dem "Paukenschlag" ruderte DIE ZEIT ein wenig zurück. Thomas Kerstan, Leiter des Ressorts Chancen bei der ZEIT konzidierte der sechsjährigen Berliner Grundschule, dass sie immerhin besser sei als ihr Ruf. Damit sei sie zwar nicht besser aber auch nicht schlechter als das Gymnasium: 1:1 für den Schulartstreit! Kerstan zeigte sich überrascht von seinem (ersten oder zweiten?) Blick in die Originalstudie: "Die sechsjährige Berliner Grundschule ist nicht schlechter als das Gymnasium. Bislang galt das Modell als gescheitert." Kerstan verschweigt, bei wem die sechsjährige Berliner Grundschule als gescheitertes Modell galt. Bei den Philologenverbänden? - Kerstans Blick in die Studie zeigte ihm deutlich, dass "der Leistungszuwachs in Mathematik und Lesen ..., an dem man den Erfolg einer Schule messen kann, in den zwei Jahren an beiden Schularten nahezu identisch ist!" (ebd.). Erstaunlich, was der Informatiker, Autor und ZEIT-Redakteur Kerstan aus den Daten des ELEMENT-Abschlussberichtes herauszulesen vermochte! Ruderhilfe bot der Gastkommentator der Zeit, Reinhard Kahl in seiner Kolumne vom 23. April und ging noch einen Schritt weiter als der für das Lehmann-Interview verantwortliche Kerstan:
"Der mit der Studie beauftragte Rainer Lehmann hat nie einen Hehl daraus gemacht, kein Freund integrativer Systeme zu sein. Als die Studie noch nicht veröffentlicht war, mitten in den Hamburger Koalitionsverhandlungen, erklärte er in verschiedenen Interviews und am ausführlichsten in der ZEIT, dass die sechsjährige Grundschule keinen Vorteil bringe. Kinder, die gleich zum Gymnasium wechselten, seien am Ende der sechsten Klasse zwei Jahre voraus." Stützt sich Lehmans Interpretation also auf seiner Affinität zum gegliederten Auslesesystem oder auf den Befunden seiner Studie?
Unser Blick auf die von der - sicher auch parteiischen Senatsverwaltung - herausgegebene Presseerklärung mit den Abbildungen zu den Lernzuwächsen und den Lerngewinnen zeigt eigentlich etwas ganz anderes: "ELEMENT-Studie belegt erfolgreiche Förderung in Grundschulen" - so
Kenneth Frisse, Pressesprecher der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport in seiner Pressemeldung vom 21. April 2008. - Abgesehen davon, dass Homogenisierung - z.B qua Schulzuweisung - das Bildungspotential der Klassen generell vermindert, erstaunen die abgebildeten Lernzuwächse und Lerngewinne der "verbleibenden" GrundschülerInnen. Diese Befunde deuten - angeblich auch nach Meinung von Prof. Dr. Olaf Köller, Leiter
des "Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB)", einem An-Institut an der Humboldt-Universität - eher in die Richtung der höheren Förderkompetenz der sechsjährigen Grundschule. Was verbindet die "Benachteiligungstendenz" á la Lehman mit der "Gleichwertigkeit" á la Kerstan und beide mit dem "Förderungsvorteil" á la Köller, Senat und Prof. Brügelmann der sechsjährigen Berliner Grundschule? Ist das alles nur ein Werk der Polarisierungsnotwendigkeit unserer Presse? Ist der "Super-GAU für die empirische Bildungsforschung" - wie ihn
Marianne Demmer von der GEW benennt - wirklich eingetreten?
Wie sehen Sie's: Schadet eine längere Grundschulzeit?
Schreiben Sie uns! Wir veröffentlichen Ihre Meinungen. Vielleicht gelingt uns irgendwann eine gemeinsame Antwort.
Meine Meinung (Betreff: ELEMENT)
zuletzt aktualisiert: 20080521 (mz)
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Quellen
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Frühkindliche Bildung
und Elementarpädagogik
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